Hat die Kirche den ursprünglichen Jesus verfälscht?

Vortrag vom Dr. Mathias Kreplin am 27.1.2012  im Rahmen der Veranstaltungsreihe „100 Jahre CSG“

„Hat die Kirche den ursprünglichen Jesus verfälscht?“ Mathias Kreplin, promovierter Theologe und ausge-wiesener Kenner der Materie, ehemals hiesiger Dekan und heute in leitender Funktion als Oberkirchenrat in der Evangelischen Badischen Landeskirche, nahm zu dieser Frage Stellung. 

Der Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „100 Jahre CSG“ richtete sich vor allem an die 150 Schü-lerinnen und Schüler der Kursstufe, aber auch einige interessierte Kollegen und Gäste waren zum Zuhören in die alte Turnhalle gekommen. Angelika Dufner-Thomas, evangelische Religionslehrerin am CSG, stellte den Re-ferenten vor und dankte ihm für sein Kommen. Er selber wies dann darauf hin, dass er auch eine „Beziehung zum CSG“ habe, da sein ältester Sohn am Clara Abitur gemacht hat. 

Augenzwinkernd begann der Vortrag mit dem Hinweis, dass wohl keiner mit einer Schwarzweißantwort rechnen wird, wenn der Oberkirchenrat kommt. Mit der Frage „Wo stehen wir heute?“ umriss Kreplin zunächst den Kontext: Wir seien Kinder einer Zeit, die mythisches Denken hinter sich gelassen hat, die von Rationalität geprägt ist und sich der Tatsache bewusst ist, dass man wohl vieles er-klären, aber doch vieles nicht verstehen kann. 

Es gibt eine Vielzahl von Sinnangeboten und Welt-anschauungen; die Suche nach Sinn und Orientierung lasse sich aber „nicht rational begründen“ und dadurch werde auch die Suche nach Gott „für manche wieder interessant“. Wie aber lässt sich ein christlicher Glaube, der rationalen Anforderungen standhält, formulieren? 

Anhand eines Filmausschnitts zeigte Kreplin auf, wie sehr lange Zeit ausschließlich mythisches Denken das Bild von Jesus prägte. 

Man akzeptierte nicht das naturwissenschaftliche Weltbild als Rahmen oder man nahm nicht zur Kenntnis, dass wir von Jesus nur aus Überlieferungen, die historisch und notwendig interessegeprägt sind, wissen. Dies lieferte den Stoff für die These, die Kirche habe Jesus zum Sohn Gottes gemacht und damit verfälscht. 

Bei den historischen Rückfragen nach Jesus beleuchtete Kreplin die Quellenlage und stellte fest, dass Jesus keinen der seinerzeit bereit liegenden Hoheitstitel sich selber gegeben hat. Titel wie „Sohn Davids“, „der Messias (Gesalbte)“, „Sohn Gottes“ wurden ihm nach Ostern zugeschrieben. Er selber habe sich nur „Menschensohn“ genannt und gesagt: „Die Gottesherrschaft ist nahe herbeigekommen“. 

Damit sei Jesus trotz oder gerade wegen seines beschei-denen Auftretens „Repräsentant der Gottesherrschaft“ und habe ein „messianisches Selbstverständnis“. In Jesus sei Gott gegenwärtig. 

Nach Ostern übertrugen die Menschen der frühen Kirche diverse Titel auf diesen eigenständigen, charismatischen „Menschensohn“. Kreplin: „Aus dem Verkündiger wird der Verkündigte.“ Damit ging die Kirche über das hinaus, was Jesus von sich selber gesagt hat und hat eine Glaubensaussage getroffen: Damit hat „die Kirche die Bedeutung von Jesus verstanden“, so Kreplin.

Die Dichte des Vortrags sorgte dafür, dass es mucks-mäuschenstill war während dieser besonderen Religions-stunde, die über die Vertiefung von Unterrichtsstoff hinaus Fragen und Anregungen mit auf den Weg gab. 

Schulleiter Joachim Rohrer dankte es dem Referenten mit einem kleinen Präsent, die Zuhörer mit lang anhaltendem Applaus.

Dr. Gerlinde Person-Weber